Geschirre

Nützliche Informationen rund um das Thema „Geschirre“ beim Hund.

Vorwort
Wir, das sind: Tina Müller (Freundschaft Hund- Gemeinsam durchs Leben / Bremen) und Heike Hillebrand (Hillebrand-hilft- Hundehaltern / Kreis Unna). Seit 2005 sind wir miteinander befreundet und selbstständige Trainerinnen für Menschen mit Hunden.
Uns eint:

  • eine sehr ähnliche Trainingsphilosophie,
  • eine leidenschaftliche Liebe zu Hunden,
  • ein penetranter Hang zum Perfektionismus.

Eine ideale Art uns zu ergänzen, zu regulieren und Synergien zu bilden.
Die Frage Halsband oder Geschirr stellte sich uns so nie, nach längeren Diskussionen fielen uns nur zwei Ausnahmen, in denen wir ein Halsband am Hund bevorzugen würden, ein. In unserem Beruf und im alltäglichen Straßenbild begegnen uns erfreulicherweise immer öfter Hundehalter bei denen sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass ein Geschirr die schonendere Art ist, einen Hund zu sichern. Leider ist es damit meistens nicht getan, uns begegnen auch immer öfter Hunde, die ein Geschirr tragen, das bedauerlicherweise eine ungünstige Passform hat, sehr schlecht sitzt, zu groß oder zu klein ist, beim Laufen behindert und/ oder schlecht verarbeitet ist. Wir erhoffen uns über diesen Text ein wenig dazu beizutragen, dass ein Hundehalter nicht nur vom Führen an Geschirren überzeugt wird, sondern auch genügend Wissen an der Hand hat, um für seinen Hund das bestmögliche Geschirr auszusuchen.
Seit dem Jahr 2011 liegen, dank der „Jenaer Studie zur Hundefortbewegung“ die Prof. Dr. Martin S. Fischer im Jahr 2006 initiiert und geleitet hat, völlig neue Erkenntnisse in Bezug auf die Fortbewegung des Hundes vor. Diese Informationen möchten wir gerne ebenfalls in diesen Text mit einfließen lassen.

Inhaltsverzeichnis:
Lieber Leser/In, um unseren Text strukturierter und leichter lesbar zu gestalten, ist er in unterschiedliche Themen eingeteilt. Bei Interesse, klicken Sie bitte auf das jeweilige Thema, um den Text zu lesen.

Vorwort

1.) Eine Gegenüberstellung: Halsband bzw. schlecht sitzendes Geschirr und ein gut angepasstes, qualitativ gutes Geschirr mit Ausblick auf psychische/ physische Folgen

2.) Zusammenfassung der „Jenaer Studie“ und ihre Konsequenzen in Bezug auf Geschirre

3.) Was zeichnet ein hochwertiges Geschirr aus – Materialien und Passform

4.) Wie ermittle ich die „Konfektionsgröße“ meines Hundes- Messpunkte und Tipps zum Vermessen

5.) Gängige Geschirrformen, ihre Einsatzbereiche und Vor- bzw. Nachteile

6.) „Trainingsprotokolle“ darüber, wie wir unsere eigenen Hunde an ein neues Geschirr heran „trainiert“ haben

1. Eine Gegenüberstellung: Halsband bzw. schlecht sitzendes Geschirr und ein gut angepasstes, qualitativ gutes Geschirr.

Welche Vorteile bringt eigentlich ein ideal angepasstes, gut verarbeitetes Geschirr für meinen Hund?
Ganz allgemein gesagt, schont es seinen Bewegungsapparat inklusive aller Gelenke, seine Wirbelsäule vom Kopfansatz bis zur Rutenspitze, sein Bindegewebe, sein Gangbild, seine Organe, Kehlkopf, Schilddrüse, Hautoberfläche und Fellstruktur. In einigen Fällen kann die Umstellung auf ein Geschirr sogar positive Verhaltensveränderungen beim Hund erwirken. Einige Hunde reagieren auf die Umstellung von normaler Halsung zum Geschirr sehr positiv, ihre Körpersprache bzw. Ausdrucksverhalten ändert sich, sie können ohne zu ziehen an der Leine laufen, zeigen weniger Stress. Wie gesagt „einige Hunde“, nicht jeder Hund- die meisten werden auch nach einer Umstellung noch ein Training benötigen, um das erlernte Verhalten, erworbene Schonhaltungen etc. abzubauen und ein anderes Verhalten zeigen zu können.

Wie kann ein gutsitzendes Geschirr so etwas bewerkstelligen?
Jeder ist schon einmal mit den unangenehmen Konsequenzen einer ungünstigen Druckverteilung in Berührung gekommen. Ein Rucksack, der ungepolsterte Gurte hat, die zudem zu eng oder zu weit eingestellt sind, macht uns Menschen ähnliche Schwierigkeiten wie beim Hunde ein schlecht sitzendes Geschirr. Dass sich unser Hals niemals als Sicherungspunkt eignet, versteht sich von selbst. Kein Sicherungssystem der Welt käme auf die Idee, einen Menschen an etwas so fragilem wie der Halswirbelsäule zu sichern. Jeder, der schon einmal einen Pullover tragen musste, der einen zu engen Kragen hatte, weiß wie irritierend schon diese vergleichsweise harmlose Einschränkung sein kann. Die Aussage, dass die Halswirbelsäule des Hundes anders gebaut, stabiler oder unempfindlicher sei, entbehrt jeder Grundlage. Tragen wir über einen längeren Zeitraum einen schweren, schlackernden Rucksack/ Tasche, bleibt immer eins zurück- Verspannungen, Blockaden, Schmerzen und ein unangenehmes Gefühl. Ignorieren wir die Schmerzen dauerhaft, sind gesundheitliche Spätfolgen sehr wahrscheinlich. Unseren Hunden ergeht es ebenso, nur haben sie nicht die Wahl. Wir suchen ihre Geschirre aus, kaufen sie, ziehen sie ihnen an, legen sie damit an eine Leine und üben je nach Mensch und Hund, immense Kraft über die Leine auf sie aus. Sowohl beim Bewegungsapparat des Hundes als auch bei den Armgelenken, Schultergelenken, Rücken, etc. des Menschen ist es völlig unerheblich, ob der Hund ungestüm in die Leine springt oder der Mensch an der Leine zieht- die unangenehmen Konsequenzen bleiben sich gleich.

Hunde müssen heute, entweder weil es durch den Gesetzgeber so vorgegeben wurde oder aus Sicherheitsgründen, an der Leine geführt werden. Das Führen am passenden Geschirr ist nach unseren Erkenntnissen die schonendste Art den Hund zu sichern. Im Alltag passiert es immer wieder, ob gewollt oder ungewollt, dass Zug über die Leine auf das Geschirr und damit Kräfte auf den Hundekörper wirken, dies lässt sich situationsbedingt oftmals nicht vermeiden. Trägt der Hund in diesen Situationen allerdings ein gut sitzendes Geschirr, minimieren wir das Risiko, dass er ernsthaft geschädigt wird.

Die weiche Unterpolsterung wirkt dabei wie ein zusätzlicher Puffer, der die Kräfte, die von außen wirken, schlucken bzw. abfedern kann. Breitere, gepolsterte Gurte schonen das Fell, unterpolsterte Schnallen und Ringe Rippen, Knochen und Haut. Es leuchtet ein, dass ein schmaler, ungepolsterter Gurt mit evtl. sogar scharfen Kanten, sehr unangenehm zu tragen ist und auf Dauer sowohl die Fell- und Hautstruktur schädigt, aber auch einschneiden bzw. quetschen kann, wenn unser Hund in die Leine springt oder wir ihn am Geschirr festhalten bzw. aus einer Situation heraus holen. Dass alle harten, stabilen Materialien wie Ringe, Schnallen und Verschlüsse, unterlegt sein sollten, ist auch sehr wichtig. Allgemein wäre es sehr unangenehm, diese unflexiblen Materialien direkt ohne Schutz auf dem Körper zu tragen, speziell liegen gerade die Ringe auf den Dornfortsätzen der Rückenwirbelsäule bzw. dem hervor stehenden Brustbeinknochen des Hundes. Dass sie an diesen Stellen wirkliche Schäden hervor rufen könnten, wenn massiver Druck über die Leine aufgebaut wird (z.B.: jemand tritt unabsichtlich auf die Schleppleine des Hundes), ist auch leicht zu verstehen. Die Unterlegung der Verschlüsse mindert zudem das Risiko, dass man beim Schließen der Verschlüsse, aus Versehen, Fell oder Haut einquetscht. Je nachdem wie und über was wir unseren Hund an der Leine sichern, ergeben sich für ihn teils sehr unangenehme Konsequenzen und wir haben versucht einen Großteil davon hier kurz zu erwähnen.
So kann man mit einem gut sitzenden Geschirr viele physische und psychische Probleme und Langzeitschäden bei unseren Hunden verhindern. Schon mehrfach nachgewiesene physische Schäden beim Hund durch das Tragen einer ungeeigneten Sicherung (Halsband/ verkehrtes Geschirr), sind u.a Quetschungen von Luftröhre, Kehlkopf, Schilddrüse, Halsarterien / Traumatisierung der Hals- und Rückenwirbelsäule / Erhöhung des Augeninnendrucks, was wiederum das Risiko von Glaukombildung erhöhen kann / Beeinträchtigung des Bindegewebes, ausgehend von der Halswirbelsäule bis zur Hinterhand/ widernatürliche Hals- und Kopfhaltung mit dauerhafter Schädigung des Bewegungsapparates/ Schädigung der Haut und Fellstruktur/ Bildung von Arthrosen durch dauerhafte Fehlbelastung und Schonhaltung.
Leider ist es mit den physischen Problemen, die eine ungünstige Sicherung hervor rufen kann nicht getan, auch psychische Schädigungen sind möglich.
So zeigen einige Hunde bedingt durch die Schmerzen, wenn sie gesichert sind, ein schmerzinduziertes Angst- oder Aggressionsverhalten, ihr Cortisolspiegel ist durch den Stressor „Schmerz“ erhöht. Dauerhafter Stress kann u.U. zu schweren organischen Problemen führen.
Ein erhöhter Erregungslevel führt zu einer größeren Anfälligkeit für Angst-, Aggressions- und Meideverhalten.

Leider kann es auch über Fehlverknüpfungen von Schmerzen und Umwelt wieder zu erhöhten Angst- oder Aggressionsreaktionen kommen. Einige Hunde versuchen zu flüchten, quasi „weg vom Schmerzreiz“, mit der Konsequenz, dass der Schmerz immer mehr zunimmt, was in der Folge zu noch mehr Flucht- und Panikreaktionen führt. Ein Teil der Hunde zeigen in dieser für sie ausweglosen Situation auch die sogenannte „erlernte Hilflosigkeit“ und fügen sich den Schmerzen und unangenehmen Konsequenzen. Diese Hunde machen uns Menschen vielleicht von außen betrachtet die wenigsten Sorgen, sie selbst aber leiden sehr und wirken oft teilnahmslos und depressiv.
Angst oder Aggressionen können gegen den eigenen Menschen, der evtl. mit dem Schmerz verknüpft wird gerichtet werden. Durch die Technik, wie ein Halter seinen Hund an Leine und Halsung führt, kann das beim Hund eine sehr unnatürliche Körperhaltung hervorrufen (z. B.: Vorne sehr steif und „aufgekröpft“, weil sein Kopf durch die Leine hochgezogen wird), dies kann von entgegenkommenden Artgenossen fehlinterpretiert werden. Im schlechtesten Fall reagieren sie dann mit einer Aggression, weil sie das Ausdrucksverhalten nicht richtig einordnen können.
Zumindest die genannten körperlichen und viele psychischen Problematiken lassen sich über die Wahl eines wirklich guten, passenden Geschirrs verhindern.
Wir können mit wenig Aufwand die Lebensqualität unserer Hunde extrem verbessern, allein durch „Augen auf beim Geschirrkauf“ und dem notwendigen Wissen, auf was es zu achten gilt. Für uns als Trainerinnen und als Hundehalter ist das mittlerweile keine Frage, sondern selbstverständlich.

A) Studie Dr.Anders Hallgren “Neck-Throat-Cervical-Injuries Caused by Pulling and Jerks on Flat Buckles”(1991)/”Rückenprobleme beim Hund” animal learn Verlag( 2003)

B) Studie amerikanischer Tierärzte “Pressure by a Collar or Harness on Intraocular Pressure in Dogs.” In: Journal of the American Animal Hospital Association 42:207-211 (2006)

C) Panksepp, J. Affective Neuroscience: The Foundations of Human and Animal Emotions (Series in Affective Science) (Oxford University Press, USA, 2004).

D) Dissertation Andrea Böttjer, TiHo Hannover (2003) “Untersuchungen von fünf Hunderassen und einem Hundetypus im innerartlichen Kontakt des Wesenstestes nach den Richtlinien des Niedersächsischen Gefahrtier-Verordnung vom 5.7.2000

2. Zusammenfassung der „Jenaer Studie“ und ihre Konsequenzen
in Bezug auf Auswahlkriterien bei Hundegeschirren.

Prof. Dr. Martin S. Fischer, Professor für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Jena, wollte im Jahre 2006 einen Vortrag über die Fortbewegung des Hundes halten. Im Laufe seines Vortrages fiel im auf, dass er dies nicht umfassend konnte, da es de Facto bislang keine wissenschaftlich belegten Erkenntnisse darüber gab. Bis dato bekannte Studien hatten sich jeweils nur mit Teilen des Gangapparates oder mit kranken Hunden auseinander gesetzt. Er beschloss daher mit Hilfe seines Teams, dieser Wissenslücke ein Ende zu setzen. Es sollte eine umfassende Arbeit über die Gelenkwirbelverläufe, Segmentbewegungen, Gangmuster, Schrittlänge, Schrittdauer, etc. des Hundes werden. Nach vier Jahren intensiver Arbeit veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse in einer Studie die auch als Publikation erschienen ist.
(Dr. Martin S. Fischer und Dr. Karin E. Lilje in der Publikation „Hunde in Bewegung“ zusammengefasst (VDH Service GmbH und Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart 2011, 208 Seiten, Preis: 49,95 Euro, ISBN 978-3-440-13075-9).

Die „Jenaer Studie“ zum Gangapparat des Hundes sollte möglichst repräsentativ und vergleichend sein. Man wählte daher etwa 327 Hunde aus 32 Hunderassen aus, die sich in Körpergröße, Winkelung der Gelenke und Rahmen extrem unterschieden. Den Forschern lag viel daran, die Übereinstimmungen des gesamten Gangwerks zwischen äußerlich doch sehr differierenden Hunderassen zu belegen.

Sie benutzten dafür drei Messsysteme;

  • ein Infrarotbewegungsmesssystem
  • zwei Hochgeschwindigkeitsvideokameras (diese beiden Systeme waren in der Lage etwa 1000 Bilder pro Sekunde zu schießen)
  • eine französische Hochgeschwindigkeitsröntgenkamera.

Die Hunde wurden von je zwei Hochgeschwindigkeitskameras aus unterschiedlichen Positionen(von vorne und von der Seite) in unterschiedlichen Gangarten (Schritt, Trab, Galopp) aufgenommen. Die Hunde liefen hierfür, nach einer gewissen Eingewöhnungszeit, auf einem genormten Laufband. Sie legten während der Untersuchungen etwa 2- 4 Kilometer Strecke zurück und die Aufnahmeprozedur dauerte, je nach Hund, etwa 45 Minuten. In dieser dreiviertel Stunde ist die jeweilige Vorbereitungszeit des einzelnen Hundes nicht berücksichtigt.

Das Infrarotbewegungssystem brauchte reflektierende Marker an den Rückenlinien und Gelenkpunkten des Hundes, welche die von insgesamt sechs Kameras ausgesendeten Infrarotblitze zurück warfen. Wurden die Reflektionen eines Markers von jeweils zwei Kameras erfasst, war es möglich ein dreidimensionales Koordinatenbild zu erstellen und darüber wiederum ließen sich die jeweiligen Gelenkwirbelverläufe des Hundes bestimmen.
Die Röntgenkamera machte nun noch die bislang verdeckten und nicht erfassten Strukturen, wie z.B.: das Schulterblatt des Hundes in der Bewegung, sichtbar.

Die Erkenntnisse dieser Aufnahmen waren erstaunlich und zeigten, dass so manche Darstellung vom Skelett des Hundes nicht den Tatsachen entsprach bzw. falsch war.
Die Gliedmaßen des Hundes hatten sich, im Laufe der Zeit, wie bei allen Säugetieren von zwei zu drei Segmenten verändert.

Bei den Vorderläufen des Hundes hieß das konkret, dass das Schulterblatt als drittes Segment hinzu kam, bei den Hinterläufen wurde der Mittelfuß umgebaut. Bewegt sich ein Hund vorwärts, so entsprechen sich daher jeweils Schulterblatt und Oberschenkel (siehe Foto- lila), Oberarm und Unterschenkel (siehe Foto- gelb), sowie Unterarm und Mittelfuß (siehe Foto- grün), in der Bewegung.

Eine der erstaunlichsten Dinge, die in dieser Studie entdeckt wurden, wird das Bild, das man sich bislang vom Gangwerk des Hundes machte und auch viele Diagnosen in neuem Licht erscheinen lassen. So wies man nach, dass der eigentliche Drehpunkt der Vorderläufe das Schulterblatt und nicht wie bislang immer vermutet das Schultergelenk sei. Heißt im Klartext, dass bei der Vorwärtsbewegung des Vorderlaufs sich, entgegen früherer Annahmen, das Schulterblatt dreht und zwar um etwa 35 Grad. Das Schultergelenk bleibt entgegen allen bisherigen Theorien fast statisch unter der Bewegung. Dies änderte nun auch den Blick auf die Beziehung der oberen Drehpunkte, denn wo sonst in Lehrbüchern das Hüftgelenk auf Höhe des Schultergelenks dargestellt wurde, liegt in der Realität das Hüftgelenk auf Höhe des oberen Randes des Schultergelenks (siehe Foto- rote Linie). Hier könnte man gedanklich eine horizontale Linie ziehen, um die gleiche Höhe darzustellen.

Durch die Röntgenaufnahmen konnte man sehen, dass sich Schulterblatt/Unterarm und Oberschenkel/Mittelfuß wie parallel geschaltet bewegen, dieses Prinzip nennt sich “Pantographenbein“. Dieses Fortbewegungsprinzip hängt maßgeblich von der Länge des mittleren Segments ab, beim Hund ist das der Oberarm. Der Oberarm eines Hundes ist, je nach individueller Größe, natürlich unterschiedlich lang, aber in Bezug zur gesamten Länge des Vorderbeins beträgt die Oberarmlänge, laut „Jenaer Studie“, ganz genau 27 Prozent. Die Länge des Schulterblattes beträgt im Vergleich zur Gesamtlänge des Vorderbeins zwischen 24 bis 34 Prozent und ist bei kurzbeinigen Hunden im Gegensatz zu langbeinigen Hunden relativ lang.
Die Fortbewegung des Hundes liegt in der Hauptsache an den Proportionen des Oberarms und da dieser bei allen untersuchten Hunden identisch war, liegt die Folgerung nahe, dass alle Hunde, egal wie groß, ähnlich gehen.

Was hat nun die „Jenaer Studie“ mit Geschirren zu tun?
Es ist nun erwiesen, dass Hunde ihre Schulterblätter zur Vorwärtsbewegung drehen. Es ist also nach wie vor sehr wichtig darauf zu achten, dass die Schultergelenke des Hundes nicht in der Bewegung gehemmt oder eingeengt werden, fast noch entscheidender ist aber nun, dass diese Voraussetzungen für das Schulterblatt ebenso gelten. Dies erreicht man nur über ein Geschirr, dass den Bedürfnissen und dem Bewegungsapparat des Hundes ideal angepasst ist. Diese Tatsache stellt Geschirre, die große Auflageflächen auf den Schulterblättern des Hundes haben, als ungeeignet dar.

3. Was zeichnet ein hochwertiges Geschirr aus –  Materialien und Passform

Grundsätzlich passt nicht jedes Geschirr in seiner Passform auf den eigenen Hund. Da sind sie uns Menschen sehr ähnlich und halten sich nicht an festgelegte Konfektionsgrößen. Doch zuallererst ist es sehr hilfreich, wenn wir genau wissen, was ein hochwertiges Geschirr ausmacht. Außerdem müssen wir uns darüber im Klaren sein, wie sitzt überhaupt ein Geschirr, wenn es ideal auf unseren Hund passen soll. Nur wenn uns diese Dinge geläufig sind, können wir unserem Hund ein möglichst perfektes Geschirr kaufen. Sie selber sind schließlich auf uns und unser Verantwortungsgefühl angewiesen, wenn sie uns einkaufen schicken.

Beginnen wir mit den Materialien; es sollten möglichst strapazierfähige Materialien sein, die bis 30 Grad in der Waschmaschine gereinigt werden können, da ein Geschirr im alltäglichen Gebrauch schnell verschmutzt oder Geruch annimmt. Das Gurtmaterial sollte entweder wasserabweisend oder schnell trocknend sein, weil ein Material, dass sich voll Wasser zieht, sehr unangenehm für den Hund am Körper zu tragen ist und sehr schwer wird. Insgesamt sollte sich das Geschirr stabil, jedoch nicht hart anfühlen und leicht sein.

Die Gurte sollten breiter sein, da schmale Gurte eher einschneiden und den Druck nicht so optimal verteilen. Sie sollten außerdem eine gewisse Festigkeit mit sich bringen, damit sie ihre Passform möglichst, auch bei wilder Hundeaktion, halten können und nicht zu unnötigen Irritierungen durch Verrutschen auf dem Hundekörper kommt. Ein stabilerer Stoff verhindert auch das „ausleiern“ des Geschirrs, das in der Folge nicht mehr gut sitzen würde. Die Kanten des Gurtstoffs sollten hingegen „weich“ und angenehm von der Haptik sein. Einfach mal in die Hand nehmen und mit den Fingern über die Kanten fahren, wenn es sich unangenehm anfühlt oder gar einschneidet, ist es unbrauchbar – gilt übrigens auch für Hundeleinen.

Das Polstermaterial sollte ebenso hochwertig sein wie das Gurtmaterial und die gleichen Kriterien erfüllen, das Material mit dem gefüttert wird, ist unterschiedlich, oftmals wird ein Fleecematerial genutzt. Insgesamt gibt es viele unterschiedliche Materialien, aus denen Geschirre gefertigt werden, u. a. Cordura, Leder, Neopren, Fleece.

Die Ringe, die verwendet werden, sollten, wie alles andere auch sehr gut vernäht mit dem Material und auf ihre Zugfestigkeit geprüft sein und aus rostfreiem, nichtallergenen Metall bestehen. Sie sollten selbstverständlich unterlegt sein, egal ob sie auf der Wirbelsäule oder am Brustkorb angebracht sind, so kann auch beim Sternum( Brustbein) kein unangenehmer Druck entstehen. Die Verschlüsse, die fast ausschließlich aus Plastik gefertigt werden, sollten ebenfalls sehr hochwertig sein, man sollte sie leicht schließen können, sie sollten mit einem deutlichen Geräusch einrasten und sich, durch ihren speziellen Mechanismus nicht einfach wieder lösen. Natürlich sind die Verschlüsse und Verstellschnallen bei einem guten Geschirr auch unterlegt, damit sie nicht direkt auf dem Körper aufliegen, selbstverständlich sollten sie ebenfalls waschmaschinentauglich sein.

Wenn wir uns nun darüber im Klaren sind, was für Materialien ein wirklich gutes Geschirr ausmachen, geht es nun um die Passform. Wie sollte ein Geschirr am Hund sitzen? Erstens ist es schon mal sehr wichtig, dass ihr Hund das Geschirr in der passenden Größe trägt, dazu muss er unbedingt vorher vermessen werden, wie man ihn vermessen kann, beschreiben wir in einem späteren Punkt. Das Geschirr darf auf gar keinen Fall zu klein sein und einschnüren, aber genauso wenig sinnvoll ist es, wenn das Geschirr zu groß ist und ständig auf dem Hundekörper hin und her rutscht. Dieses Verrutschen führt zu Irritationen im gesamten Rückenbereich. Wenn das Geschirr viel zu groß ist, besteht außerdem die Gefahr, dass man es dem Hund, wenn dieser nach hinten weg zieht durch eine spezielle Vorderkörpertiefstellung oder ein ruckartiges Buckeln, über den Kopf auszieht und dieser ohne Sicherung da steht. Hunde speichern diesen Ausstieg schnell als Lernerfolg ab und es besteht die Gefahr, dass sie diesen „Notausstieg“ zukünftig bewusst einsetzen.
Ein Geschirr sollte so eng am Körper liegen, dass man ohne Probleme einen Finger unter die Gurte schieben kann. Die Halsung des Geschirrs sollte so hoch sitzen, dass sie nicht unterhalb des Brustbeins liegen, aber auch so tief, dass sie nicht auf den Hals, Kehlkopf etc. drückt oder auf den Schulterblättern aufliegt.
Gerade im Brustbereich ist eine ideale Lage des Geschirrs unbedingt zu beachten, weil in diesem Bereich oftmals der größte Druck absorbiert werden muss. Bei Geschirren, die nur einen Brust und einen Bauchgurt haben, sollte man immer darauf achten, dass der Gurt, der vorne über die Brust führt, weder zu hoch noch zu tief sitzt. Er soll auf gar keinen Fall den Hund daran hindern sich hinsetzen zu können, weil er zu kurz ist oder die Schultergelenke einschnürt. Der Bauchgurt verläuft bei allen Geschirrformen hinter den Schultergelenken. Damit diese sich frei bewegen können, sollte er mindestens eine Handbreit hinter dem Schultergelenk bzw. den Schulterblättern liegen, niemals direkt hinter den Achseln. Hier würde er den Hund extrem in der Bewegung behindern und Fell und Haut aufscheuern.
Dasselbe gilt für die Verschlüsse, diese sollten möglichst so hoch sitzen, dass sie weder die Schultergelenke, noch die Ellenbogengelenke und Oberschenkel beeinträchtigen, wenn der Hund sich vorwärts bewegt. Am wenigsten stören sie, wenn sie etwa eine Handbreit rechts links neben der Wirbelsäule sitzen.

Bedauerlicherweise sind dies alles Punkte, die man nicht Zentimetergenau angeben kann, weil kein Hundekörper dem anderen gleicht- also Geschirre immer anprobieren. Der Unterbauchgurt der zwischen den Vorderbeinen verläuft, ist je nach Geschirrhersteller unterschiedlich breit, teilweise überkreuzt, hier ist es wichtig zu schauen, welche Passform am besten zu ihrem Hund passt. Dies hängt u.a. davon, wie schmal bzw. breit der Brustkorb ihres Hundes ist, wie viel Platz zwischen den Vorderbeinen ist, ob evtl. sein Sternum(Brustbein) sehr weit hervorsteht, er eine tiefe oder eine rundliche Brust hat.

Für Hunde, die eine Angst-, Aggressions-, Jagdproblematik haben und draußen schnell in Panik geraten, jagdlich hochmotiviert sind oder aber aggressiv auf bestimmte Umweltreize reagieren, gibt es die Möglichkeit sie über sogenannte „Sicherheitsgeschirre“ zu sichern. Diese Geschirrform hat sehr oft eine doppelte Sicherung durch zwei hintereinander sitzende Bauchgurte oder durch eine besondere Kreuzung der Gurte, aus denen Hunde nicht so leicht „aussteigen“ können. An diese Gurte sind die gleichen Qualitätsansprüche zu knüpfen, wie oben beschrieben.

4. Wie ermittle ich die „Konfektionsgröße“ meines Hundes.
Messpunkte und Tipps zum Vermessen

Geschirre unterschiedlicher Hersteller haben unterschiedliche Größenangaben und wenn unserem Hund ein Geschirr von Hersteller „X“ in der Größe „M“ passt, sagt das leider nichts darüber aus, ob das auch für ein Geschirr der gleichen Größe von Hersteller „Y“ zutrifft. Viele Hersteller haben aber Maßtabellen und geben bestimmte Messpunkte am Hund vor, um die passende Größe für den eigenen Hund heraus zu finden. Es ist daher wichtig, den Hund vorher genau zu vermessen. Am einfachsten lässt sich das natürlich über ein Schneidermaßband bewerkstelligen, wer jedoch kein flexibles Maßband zur Verfügung hat, für den reicht auch ein stabiler Faden/Wolle o.ä. und ein Zollstock/ Lineal. Man legt den Faden z.B.: um den Hals an den vom Hersteller vorgegebenen Messpunkten und markiert sich den Punkt mit einem Knoten, wo sich Fadenende und Faden wieder treffen.
Danach legt man den Faden am Zollstock an und notiert sich die Länge des Fadens. In unserem Bild haben wir mittels eines roten Strichs die gängigsten Messpunkte eingezeichnet und bezeichnet. Sollte Ihr Hund mit seinen Körpermaßen genau zwischen zwei Größen liegen, hilft es manchmal mit dem Hersteller Kontakt aufzunehmen, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Es gibt mittlerweile auch sehr gute, bezahlbare Angebote im Internet, bei denen ein Geschirr maßgeschneidert auf den eigenen Hund genäht wird.

1. Halsumfang
2. Brustumfang
3. Bruststeg zwischen den Beinen
4. Rückensteg
5. Brustumfang für Sicherheitsgeschirre
6. Rückenlänge vom Hals- bis Rutenansatz

5. Geschirrarten und Verwendungen

Es gibt viele verschiede Geschirre in unterschiedlichen Funktionen und Formen, wir möchten an dieser Stelle die gängigsten Geschirrarten vorstellen.

Norwegergeschirr:
Das sogenannte Norwegergeschirr besteht aus einem Gurt der vorne waagerecht über der Brust verläuft, von dort nach hinten führt und einem Bauchgurt. Diese Geschirrform hat oftmals noch einen zusätzlichen Griff damit der jeweilige Hundeführer einfacher ins Geschirr greifen kann, wenn dies notwendig werden sollte.

Dieses Geschirr hat seine Vorteile darin, dass es:

  • schneller an bzw. ausgezogen werden kann
  • empfindliche Hunde es besser tolerieren, weil der Steg zwischen den Beinen fehlt
  • als Alternative bei gesundheitlichen Problemen des Hundes, die ein anderes Geschirr nicht zulassen, weil dort die Gurte evtl. ungünstig liegen. (Beispiel frische OP- Narbe, Prellung, Umfangsvermehrungen etc.).

Nachteile sind bei dieser Geschirrform, dass:

  • dem Hund relativ leicht gelingt sich aus dem Geschirr zu winden,
  • durch seine Form zu wenig Verstellmöglichkeiten vorhanden sind, um es dem einzelnen Hund optimal anzupassen.
  • durch seine besondere „Bauart“ (Brustgurt + Bauchgurt), weniger Halt am Hundekörper vorhanden ist und es schneller verrutschen kann.
  • der Brustgurt bei vielen Hunden sehr ungünstig sitzt, er liegt oftmals direkt auf den Schulterblättern und schränkt den Hund in der Bewegung ein, daher ist es weniger geeignet den Hund damit an der Leine zu führen.
  • der Bauchgurt sitzt, gerade bei den Herstellern, wo der Brustgurt ohne Verstellmöglichkeit ist, zu weit vorne und schneidet in den Achseln ein.

Sattelgeschirre:
Die Sattelgeschirre sind von der Form her „Norwegergeschirre“, allerdings mit der Besonderheit, dass sie eine sattelartige Rückenplatte aufweisen.
Die Vorteile bzw. Nachteile sind ähnlich wie bei den einfachen Norwegergeschirren.
Allerdings spricht der, je nach Hersteller teilweise schwere, unflexible Sattel oftmals gegen dieses Geschirr denn,

  • er liegt oftmals auf den Schulterblättern auf und schränkt den Hund in der Bewegung ein
  • unter dem Sattel staut sich je nach Wetter Wärme oder Nässe, was weder gesund noch angenehm ist.
  • Hunde mit längerem Fell bilden unter dem Sattel gerne Verfilzungen oder die Fellstruktur wird zerstört.

Führgeschirre:
Führgeschirre gibt es in verschiedenen Ausführungen.
Die einfache Ausführung in der sogenannten T-Form (T-Form, weil das angezogene Geschirr von oben betrachtet aussieht wie ein „T“), hat eine Halsung, einen Steg zwischen den Beinen, einen Rückensteg und einen Bauchgurt, einige T-Geschirre haben zusätzlich zu dem Ring auf dem Rücken, um dort die Leine einzuklinken, noch einen weiteren vorne auf der Brust zwischen Halsung und Beinsteg oder im Nackenbereich.

Seine Vorteile liegen darin, dass:

  • die meisten Hunde es ohne Einschränkungen des Bewegungsapparates tragen können,
  • die meisten mehrfach verstellbar sind, um es dem eigenen Hund optimal anzupassen,
  • es sich zum Führen an der Leine, zum Fahrradfahren, im Freilauf und an der Schleppleine eignet.

Ebenfalls eine abgewandelte Form des Führgeschirrs ist ein Geschirr, dessen Bauchgurt in einer schrägen Linie vom Bauchsteg zum Rückensteg verläuft. Diese schräge Form hat den Vorteil, dass:

  • sowohl die Schulterblätter als auch die Schultergelenke nicht belastet oder eingeschränkt werden,
  • der Druck beim Führen an der Leine anders verteilt wird,
  • es ein gutes Alternativgeschirr ist, damit Ihr Hund nicht tagtäglich das gleiche Geschirr trägt und immer an denselben Druckpunkten belastet wird.

Die gerade beschriebenen Führgeschirre gibt es auch, anstatt in einer T-Form, mit auf dem Rücken überkreuzten Gurten (wie ein „X“). Diese Geschirre haben die gleichen Vorteile wie ein einfaches T-Geschirr.
Sie verteilen den Druck, der über die Leine entsteht aber etwas anders auf den Hundekörper. Die Kreuzung der Gurte gibt es auch unter der Brust der Hundes bei Führgeschirren, sie werden oft angewandt,

  • wenn der Hund einen sehr schmalen, spitzen Brustkorb hat,
  • weil ein einzelner Gurt dort nicht gut sitzen würde und der Druck ungünstiger verteilt würde.

Eine Kreuzung unter der Brust kann bei dieser Anatomie der Brust sehr gut für Abhilfe sorgen.

Natürlich gibt es noch absolute Spezialgeschirre, z.B.: ein „Sicherheitsgeschirr“.
Diese Geschirre haben die gleichen Vorteile wie die Führgeschirre, allerdings sind sie speziell für Hunde entworfen worden, die besonders gesichert werden müssen. Das sind oftmals Hunde, die entweder wirkliche „Ausbrecherkönige“ sind oder draußen Angst haben und beim Erschrecken in Panik versuchen zu fliehen.
Damit diese Hunde nicht einfach aus dem Geschirr aussteigen können, hat es einen zweiten Bauchgurt hinter dem üblichen Bauchgurt als zusätzliche Sicherung. Diese Geschirre sind meistens Sonderanfertigungen, da der Hund dazu ganz genau vermessen werden muss, die speziellen Messpunkte und Fragen beantworten die jeweiligen Hersteller bei Interesse.

Eine weitere Spezialgeschirrform sind „Zuggeschirre“, wie z.B.: „X-Back, „H- Back“.
Sie wurden für die Zugarbeit mit Hunden entwickelt, ob vor dem Schlitten, Roller, Zugwagen, Trike, Bollerwagen, Fahrrad etc.. Bei den Geschirren wurde darauf geachtet, dass die Leine, die vom Geschirr bzw. Hund wegführt, waagerecht auf Höhe des Hunderückens liegt, um möglichst viel Zugkraft zu entwickeln und den Druck möglichst über den Hundekörper abzuleiten bzw. zu verteilen. Aufgrund der besonderen Sitzform wäre es ungesund für den Hund, die Leine oberhalb der Rückenlinie des Hundes zu haben wie bei einem Führgeschirr.

Bleiben noch ein paar kurze Sätze zu Halsungen bzw. Halsbändern als Sicherung des Hundes. Wenn man ein Halsband verwenden muss, weil es eine Erkrankung des Hundes verlangt,

  • der Hund im Freilauf mit Artgenossen toben darf,
  • oder er schwimmen möchte, sollte das Halsband immer mindestens so breit sein wie zwei Halswirbel und gut gepolstert. Selbstverständlich reden wir hier über ganz normale Halsungen, die verstellbar sind und über einen Verschluss (Schnalle/ Steckverschluss) geschlossen werden.  
    Trägt der Hund Halsband, verbietet es sich:
  • ihn in der Kombination Halsband und Schleppleine / Flexileine zu führen, – den Hund am Halsband anzubinden bzw. sichern (z.B.: Auto),
  • jedwede Form der Zugarbeit inkl. Fahrradfahren.

6. Kurz gefasste „Trainingsprotokolle“, wie wir unsere eigenen  Hunde an ein neues Geschirr heran „trainiert“ haben.

Nicht wenige Hunde haben Angst und zeigen ein deutliches Meideverhalten, wenn ihr Halter ihnen ein Geschirr anlegen möchte. Einigen genügt allein der Anblick des ungeliebten oder unbekannten Geschirrs, um Verhaltensweisen von verstecken, einfrieren, versteifen, zittern, knurren, gähnen, schütteln, züngeln, auf den Rücken werfen etc., hervor zu rufen. Die Ursachen dieser Verhaltensweisen sind vielfältig und von Hund zu Hund verschieden.

Zeigt ein Hund ähnliche bzw. auffällige Verhaltensweisen, gilt es zu unterscheiden, was genau ihm solche Probleme macht- das Anziehen des Geschirrs, das Tragen eines Geschirrs, das Laufen mit dem Geschirr oder vielleicht eine Mischung aus allem. Hat Ihr Hund derartige Probleme mit dem Geschirr, ist es besser sich je nach Ursache, die angezeigte professionelle Hilfe zu holen, wie Physiotherapeut, Tierarzt oder Verhaltenstherapeut. Wieso Physiotherapeut bzw. Tierarzt? Es könnte sein, dass ein Hund aufgrund medizinischer Probleme, z.B.: Schmerzen im Rücken- Lendenwirbelbereich, sein Geschirr nicht tragen kann. Diese medizinisch induzierten Probleme müssen dringend abgeklärt und gelöst werden, natürlich unabhängig davon, ob er ein Geschirr tragen soll oder nicht.
Als Trainerinnen, mit dem Anspruch professionell und seriös zu arbeiten, finden wir es beide extrem schwierig, eine Art allgemeingültiges „Rezept“ zum positiven Auftrainieren von unbekannten Gegenständen hier einzustellen. Ferndiagnosen verbieten sich uns von selbst, aber wir möchten hier darauf hinweisen, dass es wichtig ist Hunde nicht einfach mit etwas Neuem zu überfallen und zu erwarten, dass sie dies tolerieren oder toll finden.
Grundsätzlich sollte immer gelten, dass neue, unbekannte Dinge immer in kleinen Schritten, positiv und dem Befinden des eigenen Hundes angepasst, auftrainiert werden sollten.
Wir wollen uns aber auch nicht völlig aus der Verantwortung nehmen und werden im Folgenden beschreiben, wie wir jeweils bei unseren eigenen Hunden in dieser Situation vorgegangen sind. Beide Hunde zeigten sich jeweils gegenüber dem neuen Geschirr und speziell dem Anziehen, teilweise Tragen des Geschirrs, sehr skeptisch, um es sehr freundlich zu umschreiben. Wir haben beide unabhängig voneinander ähnlich trainiert, allerdings zeigte Kimba auf Grund gesundheitlicher Probleme eine stärkere Reaktion auf das Geschirr als Tricky, daher begann Kimbas Training noch einige Schritte früher als meines mit Tricky.

KIMBA
Kimba reagierte auf jedes Geschirr gleich, ihre Problematik lag darin, dass, sobald das Geschirr in Sichtweite war, sie Meideverhalten zeigte und sie sich sehr schnell zurückzog.
Das Problem war hauptsächlich das Geschirr anzuziehen und speziell, den Kopf durch die Halsung zu stecken, das Laufen war am Anfang auch ein wenig ein Problem, aber das Hauptproblem lag beim Anziehen.
Nur alleine das Holen des Geschirres rief bei ihr deutliche Anzeichen von Angstverhalten auf.
Kimbas Angst, sieht man deutlich an den Ohren – Stehohren legen sich an den Kopf und an ihrer Körperhaltung. Zudem zittert sie, flüchtet, krümmt sich auf, fängt an zu hecheln und blinzeln mit abgewendetem Kopf.
Hört die Bedrohung nicht auf, flüchtet sie, ist es nicht möglich, je nach Tagesform und Gesundheitszustand, knurrt sie oder fällt in erlernte Hilflosigkeit.
Dieses Verhalten mit der dahinter liegenden Emotion ist furchtbar, es baut Vertrauen ab, gibt kein Sicherheitsgefühl an den eigenen Menschen und der Hund lebt mit einer ständigen Erwartungsunsicherheit. Dieses Gefühl ist schrecklich für den Hund und ich würde alles tun, um es in unserer Beziehung zu vermeiden. Das Geschirrtraining bei meiner Hündin Kimba habe ich deswegen so positiv wie möglich mittels Markertraining wie folgt auftrainiert.

  • Ich legte das Geschirr, ohne das sie in meiner Nähe war, im Raum ab, nicht da wo ein Platz war, den sie emotional als angenehm bzw. gut empfand, da sie ihn sonst vielleicht gemieden hätte. Damit keine derartigen Fehlverknüpfungen entstehen konnten, legte ich es erst mal weit weg in eine Ecke.
  • Kimbi wurde nie gelockt um sich dem Geschirr zu nähern. Dies hätte den Konflikt für sie nur erhöht und die Problematik verschärft.
  • Das Geschirr wurde an verschiedene Plätze gelegt, Schritt für Schritt und von Tag zu Tag immer weiter in den Raum hinein. Es wurde immer so ausgelegt, dass sie sich nicht im unmittelbaren Umfeld gestört bzw. bedroht fühlte oder Meideverhalten zeigte. Also erst mit ausreichend großem Abstand.
  • Parallel zu diesen Trainingseinheiten nahm ich das Geschirr, setzte mich auf den Boden legte es ebenso auf den Boden- leicht entfernt von mir und wartete was passiert. Sobald Kimbi ein Blick in Richtung Geschirr warf, markerte ich dieses Verhalten und belohnte mit Futter. Dabei war es hier wichtig die Belohnung vom Geschirr und mir weg zu geben, weil das zusätzliche entfernen/abwenden vom Geschirr für sie ebenfalls verstärkend wirkte.
  • Jede Annäherung wurde ebenso gemarkert und vom Geschirr weg belohnt. Über das „ Freie Formen“ wurde so lange trainiert, bis sie das Geschirr freiwillig anstupsen konnte.
  • Danach durfte Kimba es in den Fang nehmen, tragen und bringen. („Tragen“ und „Bringen“ kannte sie schon als Signal). Bringen, tragen, an stupsen wurde immer gemarkert und belohnt und sie hatte immer die Option sich zurückzuziehen. Die Belohnungen gab es ebenso immer rückgerichtet.
  • Nach diesem Schritt bin ich mit dem Geschirr rumgelaufen bei ganz alltäglichen Verrichtungen, wie putzen, kochen usw. Ich trug es einfach am Körper und lobte Kimba für ruhiges und entspanntes Verhalten. Auch beim Spaziergang hatten wir das Geschirr für Kimbi sichtbar immer mit dabei. Die Voraussetzung dafür war natürlich, dass der Anblick und das Vorbei gehen am Geschirr für sie keinen Stress mehr bedeutete.
  • Nun trainierten wir das eigentliche Anziehen des Geschirrs. Da das Halten des Geschirres erst mal die Voraussetzung fürs Anziehen war, begann ich natürlich damit.
  • Das Anziehen baute ich wieder über „Freies Formen“ auf, ähnlich wie oben beschrieben: Geschirr in die Hand nehmen und geduldig abwarten was passiert. Jeder Blick, anstupsen, Annäherung, etc., wurden gemarkert und die Belohnung gab es wie gehabt vom Geschirr weg.
  • Als Nächstes trainierten wir, mit Hilfe des 2 Finger Touches, an der Geschirröffnung. Zunächst führte ich jedoch die Hand von hinten durch das Geschirr, Kimba entgegen, so dass Kimba meine Finger außerhalb des Geschirrs berühren konnte. Dann arbeiteten wir uns mehr und mehr in Richtung Halsung, bis Kimba ihren Kopf durch die Öffnung gesteckt hatte. Auch bei dieser Übung gab es die Belohnung vom Geschirr weg. Teilweise unterstütze ich sie an dieser Stelle mit einer IB (intermediäre Brücke), da es ihr damit sichtlich leichter fiel und ihr die Übungen mehr Spaß machten.
  • Nach mehrmaligen Wiederholungen wurde von mir das Signal „Anziehen“ und beim Zurückgehen das Signal „Ausziehen“, eingeführt. Signale geben dem Hund Sicherheit, weil er weiß, was ihn erwartet.
  • Zuerst ließ ich sie nur ein paar Sekunden den Hals durch die Öffnung strecken, hier half uns die“ KG“ (Keep going) als Trainingsmittel sehr. Kimba unterscheidet die IB und KG sehr deutlich voneinander, es ist für sie bei vielen Übungen eine große Hilfe.
  • Unter Zuhilfenahme der „KG“, lernte sie auch das Schließen der Schnallen. Ich markerte jede Schnalle beim Schließen separat.
  • Natürlich muss man darauf achten, weder Fell noch Haut beim Schließen einzuklemmen. Ich lege dafür ein paar Finger unter den Verschluss, um ein versehentliches Einklemmen zu verhindern.
  • Sobald beide Schnallen geschlossen waren, zogen wir es unmittelbar wieder aus.
  • Das Ausziehen des Geschirrs wurde genauso wie oben beschrieben geübt ebenso wie das Öffnen der Schnallen. Das Öffnen der Schnallen wurde genauso gemarkert wie der Moment, wenn das Geschirr beim Ausziehen über den Kopf gezogen wurde. Auch hier gab es noch die Belohnung vom Geschirr weggerichtet.
  • Ich kündige das An-und Ausziehen immer per Signal an und markerte noch eine Zeitlang die beiden Schnallen und das An- und Ausziehen des Geschirrs über den Kopf.
  • Das Tragen und das Laufen mit Geschirr verbanden wir mit schönen Erlebnissen, wie: etwas Tolles erleben, spielen, suchen, fangen, sprinten usw. Ich zog es ihr immer nur für diese Aktionen eine kurze Zeit an und steigerte diese Zeitspannen nach und nach angepasst an den Bedürfnisse von Kimbi.
  • Heute trägt Kimbi sämtliche verschiedene Geschirrarten, um den Druck nicht immer auf dem selben Punkt zu haben. Sie hat keine Probleme mehr irgendein Geschirr anzuziehen. Mittlerweile haben wir 12 Geschirre – es wurde zum Hobby wir nähen einige selber.

Kimba, Eurasier, 8,5 Jahre

TRICKY
Tricky reagierte auf das neue Geschirr neugierig und angstfrei, seine Problematik lag darin das Geschirr anzuziehen und im Besonderen, den Kopf durch die Halsung zu stecken. Trotzdem begann unsere gemeinsame Annäherung an das Geschirr einige Schritte vor dem eigentlichen Anziehen. Das Anziehen rief bei ihm deutliche Anzeichen von Angst- und Meideverhalten hervor. Am deutlichsten sieht man seine Unsicherheit an den Ohren und Läufen, seine Stehohren legen sich an den Kopf und seine Läufe knicken ein, er verlagert sein Körpergewicht weg von der „Gefahrenquelle“, sein Herzschlag erhöht sich ebenso wie seine Atemfrequenz. Hört die Bedrohung nicht auf, friert er ein, bei fremden Personen knurrt er und hilft sich durch ein Abwehrschnappen. Würde die Bedrohung von Menschen ausgehen denen er vertraut, also mir, durchleidet er die Situation, indem er erlernte Hilflosigkeit zeigt. Diese Emotion ist furchtbar und zerstört die Erwartungssicherheit an den eigenen Menschen, das braucht niemand- am allerwenigsten mein Hund.

  • Ich versuchte das Geschirr zum „Ankündiger“ besonders angenehmer Dinge für Tricky zu machen. Gab es das Essen für ihn, wurde zwei Sekunden vorher das Geschirr in die Nähe des Futternapfes gelegt. Dies verband ich nun mit allen erdenklichen angenehmen Situationen für meinen Hund(Komfortzeit/Streicheln = Geschirr) / Spielbeginn = Geschirr/ usw.)
  • Im nächsten Schritt nahm ich das Geschirr in die Hand und markerte und belohnte jedes freiwillige Annähern an das Geschirr, ließ ihn daran schnüffeln, strich mit ihm über seinen Körper, immer unterstützt über Marker und Belohnung. Diese Einheiten fielen Tricky sehr leicht, da er ja eher neugierig und freudig auf Dinge reagiert, die eine Interaktion mit seinen Menschen bedeuten.
  • Der nächste Schritt, indem es darum ging, dass er freiwillig seinen Kopf durch die Halsung steckt, war die eigentliche Klippe. Ich setzte mich so in den Raum, dass er genügend Platz zum Ausweichen hatte und hielt das Geschirr auf seiner Brusthöhe, leicht seitlich von mir weg. Ich achte in solchen Situationen immer sehr auf meine Körpersprache und bemühe mich, Tricky so wenig wie möglich zu bedrohen durch meine Haltung. Das Geschirr hielt ich dabei in der Hand und faltete es so, dass unser Hund erst mal nur die Halsung sehen konnte. Dies hatte den Vorteil, dass es insgesamt weniger bedrohlich aussah und dass direkt dort gearbeitet wurde, wo er letztlich seinen Kopf durchstecken sollte. Nun markerte ich jede freiwillige Annäherung an das Geschirr und belohnte vom Geschirr weg, weil es für Tricky in dieser Situation eine zusätzliche Erleichterung war, von dem Geschirr und mir weggehen zu dürfen. So arbeiteten wir uns immer näher an das eigentliche Ziel, nämlich dass unser Hund seinen Kopf durch die Halsung steckt. Er durfte anfangs jedes Mal, wenn er den Kopf durch die Halsung gesteckt hatte, ihn auch sofort wieder hinaus ziehen. Das Hineinstecken/ Herausziehen des Kopfes durch die Halsung habe ich gemarkert, belohnt und sofort auf Signal gesetzt („An-bzw. Ausziehen“). Hätte das Training an diesem Punkt stagniert, weil Tricky seinen Kopf nie wirklich durch die Halsung gesteckt hätte, hätten wir uns über ein Targettraining geholfen. In diesem Fall wäre das Mittel der Wahl ein Handtarget gewesen.
  • Als Tricky soweit war, dass er den Kopf freiwillig, auf Signal, durch die Halsung des Geschirrs steckte, war für ihn der gruseligste Teil schon passiert. Nun mussten wir das Geschirr vollständig anziehen und die beiden Verschlüsse schließen. Ich kündige das Zumachen des jeweiligen Verschlusses an („Zumachen“), markerte und belohnte ihn nach jeder Schnalle. Natürlich muss man darauf achten, weder Fell noch Haut beim Schließen einzuklemmen. Ich lege dafür zwei Finger unter den Verschluss, um ein versehentliches Einklemmen zu verhindern. Zunächst schloss ich das Geschirr nur kurz, markerte und belohnte indem ich es ihm wieder ausziehen ließ. Dieser Schritt haben wir öfter wiederholt, wobei das Tragen des Geschirrs und natürlich auch die Bewegung mit dem Geschirr, immer ein wenig länger dauerte. Hier ist eine positiv auftrainierte „Intermediäre Brücke“ sehr hilfreich. Da Tricky beim eigentlichen Tragen des Geschirrs keine Anzeichen von Unbehagen zeigte, konnten wir schnell fortfahren und es seinem eigentlichem Zweck zuführen- dem heiß geliebtem Spazieren gehen.
  • Tricky zog sein Geschirr nach etwa einer Woche auf Signal an bzw. aus und trug es ohne Probleme. Das eigentliche Anleinen hat bei uns ein eigenes Signal und heißt “Anschnallen“. Er bleibt bei diesem Signal stehen und wartet darauf, dass der Karabiner festgeklickt ist und wir mit einem „Weiter“ losgehen.

Tricky, Husky-Schäfermix, 7 Jahre


Anmerkung: In den beiden oben stehenden Texten „Kimba“ und „ Tricky“, werden einige Begriffe und Trainingstechniken genannt, die vielleicht nicht jedem geläufig sind. Wir können in diesem Kontext keine ausschöpfenden Erklärungen erbringen und bitten um Verständnis.

Copyright: Freundschaft Hund – Gemeinsam durchs Leben, Tina Müller